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Kurven

Kurven

Radius und Mittelpunkt

Satz

Die Funktion \(f(x)\) sei auf dem Intervall \([a,b]\) zweimal stetig differenzierbar. Für die Stelle \(c\in(a,b)\) gelte \(f''(c)\neq0\). Läßt man zwei Punkte auf dem Graphen von \(f(x)\) gegen den Punkt \((c,f(c))\) konvergieren, so konvergiert der durch diese drei Punkte bestimmte Kreis gegen den Krümmungskreis an den Graphen von \(f(x)\) in \((c,f(c))\). Dieser hat den Radius

\begin{equation*}   r = \frac{(1+f'(c)^2)^{3/2}}{|f''(c)|} \end{equation*}

und den Mittelpunkt \((x_M,y_M)\) mit

\begin{equation*}   x_M = c-f'(c)\frac{1+f'(c)^2}{f''(c)} , \quad    y_M = f(c) + \frac{1+f'(c)^2}{f''(c)} . \end{equation*}

Der Mittelpunkt liegt auf der Normalen auf den Graphen von \(f(x)\) in \((c,f(c))\) und auf der Seite der Tangente, zu der sich der Graph hin krümmt. Der Krümmungskreis berührt den Graphen in \((c,f(c))\).

Beweis

Die Konvergenzaussage soll nicht bewiesen werden. Wir wollen hier nur unter Voraussetzung der Konvergenz den Radius und Mittelpunkt des Krümmungskreises berechnen. Seien also \(P'=(x',f(x'))\) und \(P''=(x'',f(x''))\) zwei Punkte auf dem Graphen, die gegen \(P=(c,f(c))\) konvergieren. Sei \((x_{P',P''},y_{P',P''})\) der Mittelpunkt und \(r_{P',P''}\) der Radius des Kreises durch \(P, P'\) und \(P''\).

Wir betrachten die Funktion

\begin{equation*}   h_{P',P''}(x) = (x-x_{P',P''})^2+(f(x)-y_{P',P''})^2 - r_{P',P''}^2 . \end{equation*}

Da \(P, P'\) und \(P''\) vom Kreismittelpunkt den Abstand \(r_{P',P''}\) haben, gilt

\begin{equation} \label{10}   h_{P',P''} (c) = h_{P',P''} (x') = h_{P',P''} (x'') = 0 . \end{equation} (3)

Schreibt man diese drei Gleichungen aus, so kann man sie nach \(x_{P',P''}\), \(y_{P',P''}\) und \(r_{P',P''}\) lösen. Der Grenzübergang \(P'\to P\) und \(P''\to P\) ist dann aber keineswegs einfach durchzuführen. Weil wir aber die Konvergenz des Mittelpunktes und Radius schon vorausgesetzt haben, können wir einfacher vorgehen.

Nach dem Satz von Rolle gibt es Stellen \(x_1\) und \(x_2\) zwischen \(x'\) und \(c\) sowie \(x''\) und \(c\) mit

\begin{equation} \label{11}   h_{P',P''}' (x_1) = h_{P',P''}' (x_2) = 0 . \end{equation} (4)

Eine erneute Anwendung des Satzes von Rolle liefert die Existenz einer Stelle \(x_3\) zwischen \(x_1\) und \(x_2\) mit

\begin{equation} \label{12}   h_{P',P''}'' (x_3) = 0 . \end{equation} (5)

Ausgeschrieben lauten die jeweils ersten Gleichungen in (3), (4) und (5)

\begin{align*}   (c-x_{P',P''})^2+(f(c)-y_{P',P''})^2 - r_{P',P''}^2 &= 0 ,\\    2\,(x_1-x_{P',P''}) + 2\,f'(x_1)\,(f(x_1)-y_{P',P''}) &= 0 , \\    2+2\,f''(x_3)\,(f(x_3)-y_{P',P''}) + 2\,f'(x_3)^2 &= 0 . \end{align*}

Läßt man \(P'\) und \(P''\) gegen \(P\) streben, so gilt \(x_1\to c\) und \(x_3\to c\) und nach Annahme \(x_{P',P''}\to x_M\), \(y_{P',P''}\to y_M\) sowie \(r_{P',P''}\to r_M\). Die drei Gleichungen gehen damit über in

\begin{align*}   (c-x_M)^2+(f(c)-y_M)^2 - r_M^2 &= 0 ,\\    2\,(c-x_M) + 2\,f'(c)\,(f(c)-y_M) &= 0 ,\\    2+2\,f''(c)\,(f(c)-y_M) + 2\,f'(c)^2 &= 0 . \end{align*}

Die Formel für \(y_M\) ergibt sich durch Auflösen der letzten Gleichung. Aus der mittleren Gleichung ergibt sich \(x_M\), wenn man das Ergebnis für \(y_M\) einsetzt. Schließlich erhält man \(r_M\) aus der ersten Gleichung.

Der Vektor

\begin{equation*}   {1\choose f'(c)} \end{equation*}

weist in Richtung der Tangente an den Graphen im Punkt \(P\). Der Vektor

\begin{equation} \label{5}   {x_M-c\choose y_M-f(c)} = {-f'(c)\choose1}\cdot \frac{1+f'(c)^2}{f''(c)} \end{equation} (6)

weist vom Punkt \(P\) zum Punkt \((x_M,y_M)\). Das Skalarprodukt beider Vektoren ist

\begin{equation*}   (1\cdot(-f'(c))+f'(c)\cdot1)\frac{1+f'(c)^2}{f''(c)} = 0 . \end{equation*}

Also liegt \((x_M,y_M)\) auf der Normalen auf den Graphen in \(P\).

Da der Krümmungskreis außerdem durch \(P\) geht, berührt er automatisch den Graphen in \(P\).

Ist \(f''(c)>0\), so hat gemäß (6) der Vektor von \(P\) zum Mittelpunkt des Krümmungskreises die gleiche Richtung wie der Vektor

\begin{equation*}   {-f'(c)\choose1}. \end{equation*}

Das ist aber der nach oben weisende Normalenvektor auf den Graphen in \(P\). Ferner ist wegen \(f''(c)>0\) der Graph in einer Umgebung von \(P\) konvex, d.h. er krümmt sich nach oben.

Ist \(f''(c)<0\), so weist der Vektor von \(P\) zum Krümmungskreismittelpunkt in entgegengesetzte Richtung wie der Normalenvektor, und der Graph krümmt sich nach unten.